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YouTubes E-Mail zur „Zuschauer-Sucht" ist genauso schlimm wie sie klingt

Eine interne YouTube-E-Mail aus 2012 zeigt: Das Ziel war Zuschauer-Sucht. Ein Gericht sprach 6 Millionen Dollar Schadensersatz zu. Was das fuer die Tech-Branche bedeutet.

YouTubes E-Mail zur „Zuschauer-Sucht" ist genauso schlimm wie sie klingt

Wenn Sie jemals den Verdacht hatten, dass YouTubes Autoplay-Kaninchenbau darauf ausgelegt ist, Sie an Ihren Bildschirm zu fesseln, herzlichen Glückwunsch: Sie hatten recht. Und jetzt gibt es ein Gerichtsdokument als Beweis.

Eine interne E-Mail eines YouTube-Mitarbeiters aus dem Jahr 2012, die im Rahmen laufender Rechtsstreitigkeiten gegen grosse Social-Media-Unternehmen ans Licht kam, soll laut Berichten festgehalten haben, dass das Ziel der Plattform nicht „Zuschauerzahlen, sondern Zuschauer-Sucht" sei. Die Notiz war Teil einer internen Überprüfung der iOS Creator App und zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Bild der damaligen Unternehmensprioritäten.

Was die Aussage enthüllte

John Harding, Vice President of Engineering bei YouTube Music und YouTube Premium, gab 2025 eine eidesstattliche Erklärung ab, die seitdem zum Kernstück des Falls geworden ist. In seiner Aussage erkannte Harding die Existenz der E-Mail an, versuchte jedoch, die Wirkung abzumildern, indem er darauf hinwies, dass die betreffende App „nicht einmal für Zuschauer entwickelt wurde, sondern für Creator".

Ein durchaus nachvollziehbares Argument, aber nicht gerade die entschiedene Zurückweisung, die man sich erhofft, wenn dem eigenen Unternehmen vorgeworfen wird, bei jungen Nutzern gezielt Sucht zu erzeugen.

Das wegweisende Urteil

Diese Enthüllung folgt auf ein wegweisendes Geschworenenverdikt, das dem Kläger KGM insgesamt 6 Millionen US-Dollar Schadensersatz zusprach: 3 Millionen US-Dollar als Ausgleichsschadensersatz und 3 Millionen US-Dollar als Strafschadensersatz. Die Geschworenen, die über 40 Stunden an neun Tagen berieten, befanden Meta zu 70 % und YouTube zu 30 % verantwortlich. Das entspricht 2,1 Millionen US-Dollar Strafschadensersatz von Meta und 900.000 US-Dollar von YouTube.

Beide Unternehmen haben bestätigt, Berufung einlegen zu wollen, was wenig überrascht.

Das grosse Bild

Der Fall KGM ist nur die Spitze eines sehr grossen Eisbergs. Die Klage, die aus mehr als 20 Bundesgerichtsbezirken zusammengeführt wurde, betrifft Tausende von Einzelpersonen sowie mehr als 40 Generalstaatsanwälte der US-Bundesstaaten. Einigen Berichten zufolge haben bis zu 10.000 Einzelpersonen und 800 Schulbezirke der umfassenderen Klage angeschlossen, obwohl diese grösseren Zahlen nicht über alle Quellen hinweg unabhängig bestätigt wurden. Zu den Beklagten in dem weitreichenderen Verfahren gehören Google, Meta, Snap und TikTok, wobei Snap und TikTok ihre Anteile am KGM-Fall vor Prozessbeginn verglichen haben.

Ein Bundesgerichtsverfahren ist für Juli 2026 in Oakland, Kalifornien, unter der Leitung von Richterin Yvonne Gonzalez Rogers angesetzt.

YouTubes Verteidigung

YouTubes rechtliche Strategie schloss das durchaus kreative Argument ein, keine Social-Media-Plattform zu sein, sondern ein Video-Streaming-Dienst. Ein Google-Sprecher tat die belastende E-Mail als Teil von „herausgepickten, jahrzehntealten Auszügen" ab, die „unsere verantwortungsvolle Produktentwicklungsarbeit falsch darstellen".

Jahrzehntalt hin oder her, der Zeitpunkt ist unangenehm. Gerichtsakten behaupten ausserdem, dass YouTube vorgeschlagene Sicherheitsfunktionen für jüngere Zuschauer gestrichen habe, weil diese keinen ausreichenden Return on Investment lieferten. Eine separate interne Präsentation vom April 2018 soll angeblich Forschungsergebnisse zusammengefasst haben, die „übermässiges Videoschauen" mit Sucht verknüpfen und es als schnellen „Dopamin-Kick" beschrieben. Und eine interne Präsentation vom August 2024 mit dem Titel Teen (Unsupervised) Viewer Wellbeing and Safety soll angeblich eingeräumt haben, dass der „unendliche Feed" der Plattform ein wesentlicher Treiber der Bedenken sei.

Ein Moment wie beim grossen Tabak-Skandal?

Rechtsexperten ziehen bereits Vergleiche zu den Tabakkonzern-Klagen der 1990er Jahre, und es ist nicht schwer zu verstehen, warum. Wenn interne Dokumente zeigen, dass ein Unternehmen wusste, dass sein Produkt potenziell schädlich ist, und trotzdem weitergemacht hat, schreiben sich die Parallelen von selbst. Angesichts von Milliarden potenzieller Verluste für Technologieunternehmen könnte dies einen echten Wendepunkt darin markieren, wie Plattformen für ihre Designentscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden.

Vorerst steht die E-Mail zur „Zuschauer-Sucht" als ein ziemlich spektakuläres Eigentor für YouTube. Der Algorithmus gibt, und offenbar nimmt der Algorithmus mit seinen internen Memos auch wieder weg.

Den Originalartikel lesen Sie bei der Quelle.

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Geschrieben von

Daniel Benson

Writer, editor, and the entire staff of SignalDaily. Spent years in tech before deciding the news needed fewer press releases and more straight talk. Covers AI, technology, sport and world events — always with context, sometimes with sarcasm. No ads, no paywalls, no patience for clickbait. Based in the UK.