Putin gegen das Internet: Russland sperrt fast 500 VPNs in seiner bisher größten digitalen Repressionswelle
Russland blockiert 469 VPN-Dienste, schaltet WhatsApp ab und drosselt Telegram. Experten warnen vor dem Versuch, ein vollständig abgeschottetes, souveränes Internet zu errichten.
Russlands Kampagne, seine Bürger vom globalen Internet abzuschotten, hat eine neue, äußerst aggressive Phase erreicht. Der Kreml hat nun fast 500 VPN-Dienste gesperrt, Telegram gedrosselt, WhatsApp vollständig abgeschaltet und den mobilen Internetzugang in Moskau wiederholt lahmgelegt. Wer dachte, der Aufbau einer großen Firewall sei ausschließlich ein chinesisches Hobby, sollte seine Meinung überdenken.
Die Zahlen sind erschreckend
Mitte Januar 2026 hatte Russlands Medienaufsichtsbehörde Roskomnadzor 439 VPN-Dienste gesperrt. Bis Februar war diese Zahl auf 469 gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von 70 % gegenüber Oktober 2025, als rund 258 VPNs auf der schwarzen Liste standen. In diesem Tempo wird Russland irgendwann keine VPNs mehr zum Sperren haben, nämlich nie, denn Entwickler neigen dazu, neue schneller zu erstellen, als Bürokraten sie verbieten können.
Digitalminister Maksut Schadajew machte die Absichten der Regierung unmissverständlich klar, als er erklärte: "Die Aufgabe besteht darin, die VPN-Nutzung zu reduzieren." Und wo teilte er diese mutige Proklamation mit? Auf MAX, der staatlich geförderten Messaging-Plattform, deren monatliche Nutzerzahl praktischerweise auf 77,5 Millionen angewachsen ist. Man kann sich das wirklich nicht ausdenken.
WhatsApp, Telegram und das große Messaging-Massaker
Die VPN-Sperrung ist nur ein Tentakel eines weit größeren digitalen Oktopus. Im Februar 2026 sperrte Russland WhatsApp vollständig und begann, Telegram zu drosseln, die Messaging-App, die sich praktisch zu einer nationalen Infrastruktur entwickelt hatte. Die Telegram-Einschränkungen traten um den 10. Februar in Kraft, WhatsApp folgte zwei Tage später. Berichten zufolge droht Telegram ab dem 1. April 2026 eine vollständige Sperrung, was passend wäre, wenn es nicht so bitterernst für die Millionen wäre, die täglich darauf angewiesen sind.
Die Auswirkungen waren unmittelbar und messbar. Zwischen Januar und Februar 2026 verlor WhatsApp 9 Millionen Nutzer in Russland, während Telegram 280.000 einbüßte. Derweil saugt MAX die Vertriebenen auf, denn nichts schreit "freiwillige Akzeptanz" lauter als die systematische Beseitigung jeder Alternative.
Moskau verdunkelt sich
Die vielleicht dramatischste Eskalation waren die mobilen Internetsperren, die Moskau überlagerten. Seit Anfang März wurden ausländische Websites auf Mobiltelefonen im Moskauer Zentrum für mehr als eine Woche blockiert. Anwohner berichteten, grundlegende Dienste nicht mehr nutzen zu können, und die Unterbrechungen kosteten Unternehmen schätzungsweise 3 bis 5 Milliarden Rubel.
Die offizielle Begründung des Kremls? Natürlich die Sicherheit. Sprecher Dmitri Peskow berief sich am 11. März auf die "Sicherheit der Bürger", und die Regierung behauptete, die Einschränkungen seien notwendig, um massiven ukrainischen Drohnenangriffen entgegenzuwirken. Ob man diese Erklärung überzeugend findet, hängt wohl davon ab, wie viel Vertrauen man einer Regierung entgegenbringt, die es unter Strafe gestellt hat, ihre Invasion als Invasion zu bezeichnen.
Die Folgen im echten Leben waren geradezu komisch analog. Während der Moskauer Abschaltungen stiegen die Verkäufe von Pagern um 73 %, Walkie-Talkies um 27 % und Papierkarten um erstaunliche 170 %. Irgendwo sitzt ein Telekommunikationsmanager aus den 1990ern und ist zutiefst verwirrt über seine plötzliche Relevanz.
Der Traum vom souveränen Internet
Was diese Repressionswelle besonders beunruhigend macht, ist ihr erkennbares Ziel. Mehrere Branchenexperten und Menschenrechtsorganisationen vermuten, dass diese Maßnahmen keine isolierten Vorfälle sind, sondern Generalproben für etwas weit Ambitionierteres: die vollständige Abkopplung Russlands vom globalen Internet.
Russland testet still und heimlich ein landesweites "Whitelist"-System in 57 Regionen, das während Abschaltungen nur den Zugang zu vorab genehmigten Websites erlauben würde. Man stelle sich das Internet-Äquivalent vor, nur drei Läden in der gesamten Einkaufsstraße besuchen zu dürfen, und alle gehören dem Staat.
Die Infrastruktur wird mit erheblichen Mitteln aufgebaut. Russland hat 2,27 Milliarden Rubel für KI-gestützte Zensuртехnologie bereitgestellt, die entwickelt wurde, um verbotene Inhalte effizienter zu identifizieren und zu sperren, als es menschliche Moderatoren je könnten. Die Ironie, modernste Technologie einzusetzen, um Menschen am Zugang zu Technologie zu hindern, scheint den Verantwortlichen vollkommen entgangen zu sein.
Die rechtliche Zangenbewegung
Neben den technischen Maßnahmen dreht der Kreml auch an der rechtlichen Schraube. Putin hat Gesetze unterzeichnet, die Bußgelder für VPN-Werbung vorsehen, wobei Unternehmen Strafen von bis zu 500.000 Rubel drohen. Ein weiteres Gesetz bestraft nun die Suche nach Inhalten, die vom Staat als extremistisch eingestuft werden.
Nach der Invasion in die Ukraine 2022 hat Russland einige seiner repressivsten Gesetze seit der Sowjetzeit eingeführt. Human Rights Watch und mehrere Pressefreiheitsorganisationen haben die Zensurlandschaft nach 2022 als die restriktivste charakterisiert, die das Land seit Jahrzehnten erlebt hat. Für eine Nation, die sich jahrelang von diesem Erbe zu distanzieren versuchte, ist das ein bemerkenswerter und zutiefst beunruhigender Rückfall.
Das Katz-und-Maus-Spiel geht weiter
Das grundlegende Problem beim Versuch, VPNs zu sperren, besteht darin, dass es von Natur aus ein aussichtsloser Kampf ist. Für jeden gesperrten Dienst taucht ein neuer auf. Technikaffine Russen nutzen schon lange VPNs, um auf gesperrte Inhalte zuzugreifen, und viele finden trotz der Repressionswelle weiterhin Umgehungsmöglichkeiten. Das Internet wurde schließlich so konzipiert, dass es Hindernisse umgeht. Es ist ziemlich gut darin.
Allerdings geht es der russischen Regierung nicht wirklich darum, eine perfekte Abdichtung zu erreichen. Es geht darum, den Zugang so schwierig zu gestalten, dass der durchschnittliche Nutzer aufgibt und die angebotene kuratierte Realität akzeptiert. Man muss nicht jedes VPN sperren, wenn man die Nutzung so mühsam gestalten kann, dass sie den Aufwand nicht mehr wert erscheint. Kombiniert man das mit rechtlichen Sanktionen für Werbung und einer staatlich geförderten Alternative, die auf Geräten vorinstalliert ist, ergibt sich eine Strategie, die durch Reibung statt durch Perfektion wirkt.
Was als Nächstes kommt
Der Kurs ist klar, auch wenn der Zeitplan ungewiss bleibt. Jeden Monat gibt es neue Einschränkungen, frisch gesperrte Dienste und immer kreativere Begründungen. Diplomaten sprechen bereits von Russlands "großer Repressionswelle", und es ist nicht schwer zu verstehen, warum.
Für Russlands geschätzte 130 Millionen Internetnutzer verengt sich das Fenster zum freien Informationszugang rapide. Die Frage ist nicht mehr, ob der Kreml versuchen wird, ein eigenes, isoliertes Internet zu schaffen, sondern wann, und wie effektiv gewöhnliche Russen in der Lage sein werden, sich dagegen zu wehren.
In einer Welt, in der Informationen so frei wie Wasser fließen, ist es außerordentlich schwierig, einen Damm zu bauen. Aber der Kreml scheint entschlossen, es zu versuchen, ein gesperrtes VPN nach dem anderen.
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