Air India streicht fast 100 Flüge, da der Iran-Krieg die Kerosinpreise in die Höhe treibt
Air India streicht fast 100 Langstreckenflüge bis Juli 2026. Kerosinpreise steigen um 80 Prozent, Luftraumsperrungen verschlimmern die Lage. Das sollten britische Reisende jetzt wissen.
Planen Sie diesen Sommer einen Langstreckenflug ab Delhi oder Mumbai? Dann sollten Sie Ihre Buchungsseite besser noch einmal aufrufen. Air India streicht bis Juli 2026 fast 100 internationale Flüge aus dem Flugplan und begründet dies mit einem brutalen Zusammenspiel aus explodierenden Kerosinpreisen und einem Flickenteppich gesperrter Lufträume, der Langstreckenflüge derzeit so rentabel macht wie der Verkauf von Eis an Eskimos.
Was Air India tatsächlich kürzt
Der zum Tata-Konzern gehörende Carrier, der normalerweise rund 1.100 Flüge täglich absolviert, streicht etwa 100 Verbindungen auf Strecken nach Europa, Nordamerika, Australien und Singapur. Das sind die wichtigsten Langstreckenkorridore, die tonnenweise Kerosin verschlingen, weshalb sie als erste auf dem Streichblock stehen.
Vorstandschef Campbell Wilson machte gegenüber seinen Mitarbeitern keinen Hehl daraus und erklärte, dass der Anstieg der Kerosinpreise und die Luftraumsperrungen in Indiens Nachbarschaft dazu geführt haben, dass viele internationale Flüge der Airline nicht mehr rentabel zu betreiben sind. Im Klartext: Diese Flugzeuge jetzt in der Luft zu halten bedeutet, auf 10.000 Metern Höhe Geld zu verbrennen.
Warum die Kerosinpreise durch die Decke gehen
Der Schurke in dieser Geschichte ist die Straße von Hormuz, jener schmale Wasserweg, über den rund 20 Prozent des weltweiten Öls transportiert werden. Sie ist seit dem 28. Februar 2026 infolge des laufenden Krieges der USA und Israels gegen den Iran gesperrt, und die Folgen sind genau das, was man erwarten würde, wenn man den wichtigsten Öl-Engpass des Planeten verstopft.
Die globalen Durchschnittspreise für Kerosin sind in der Woche bis zum 24. April auf rund 179,46 Dollar pro Barrel gestiegen, ein Anstieg von 80 Prozent gegenüber den 99,40 Dollar, die Ende Februar verzeichnet wurden. Da Kerosin etwa 40 Prozent der Betriebskosten einer Airline ausmacht, ist das kein Rundungsfehler. Das ist der Unterschied zwischen einer profitablen Route und einer tickenden Finanzbombe.
Für Indien ist die Lage noch schlimmer. Das Land importiert fast 88 Prozent seines Rohöls, und wenn der Weltmarktpreis sich erkältet, bekommt Indien eine Lungenentzündung.
Pakistans Luftraumsperrung: das Geschenk, das nichts gibt
Als ob eine Kraftstoffkrise nicht genug wäre, müssen indische Carrier noch immer den Umweg fliegen. Pakistan sperrte seinen Luftraum im April 2025 für indische Airlines und zwang westwärts fliegende Maschinen zu längeren und teureren Umwegen. Reuters berichtete, dass diese einzelne Entscheidung Air India rund 600 Millionen Dollar pro Jahr kosten dürfte. Kommt noch die Kraftstoffinflation obendrauf, versteht man, warum Wilson zum roten Stift greift.
Der finanzielle Schaden zeigt sich bereits. Die Air India Group soll für das Geschäftsjahr bis März 2026 einen Verlust von rund 22.000 Crore Rupien ausgewiesen haben, umgerechnet etwa 2,6 Milliarden Dollar. Frühere Berichte nannten einen Verlust von 433 Millionen Dollar, wobei diese Zahl offenbar ein älteres Jahr betrifft. So oder so sind das keine Zahlen, die man fröhlich auf den Kühlschrank schreibt.
Die Branche schlägt Alarm
Das ist nicht nur die Geschichte von Air India allein. Die Federation of Indian Airlines, die Sprachrohr von IndiGo, Air India, SpiceJet und anderen ist, richtete am 26. April 2026 einen Brief an Indiens Zivilluftfahrtministerium und warnte, die Branche stehe nach eigenen Worten kurz vor dem Zusammenbruch. Gefordert werden eine Überarbeitung der Preise für Flugturbinenkraftstoff, eine Stundung von Verbrauchssteuern und direkte Finanzhilfen.
Den Druck spüren nicht nur indische Carrier. United Airlines und Lufthansa erwägen Berichten zufolge Streichungen oder Preiserhöhungen, und Airports Council International Europe hat vor Kerosinknappheit ab Mai gewarnt. Einige Analysten rechnen damit, dass Verbindungen zwischen Europa und Asien bis Juni um 30 bis 50 Prozent ausgedünnt werden könnten. Wer die Flugpreise letzten Sommer schon happig fand, sollte sich warm anziehen.
Was das für britische Reisende bedeutet
Wer das hier aus Manchester, London oder Edinburgh liest, bekommt hier die wichtigsten praktischen Hinweise. Direktverbindungen zwischen Großbritannien und Indien, einschließlich Air Indias Flaggschiffstrecken ab Heathrow, fallen genau in die Langstrecken- und kraftstoffintensive Kategorie, die am stärksten von Streichungen und Preiserhöhungen betroffen ist.
Ein paar Dinge, die man im Hinterkopf behalten sollte:
- Buchungen überprüfen. Wer mit Air India zwischen jetzt und Juli fliegt, sollte sich einloggen und nachsehen, ob der eigene Flug umgestellt wurde. Streichungen in diesem Ausmaß verlaufen selten geräuschlos.
- Mit höheren Preisen rechnen. Wenn das Angebot schrumpft und die Kraftstoffkosten steigen, folgen die Ticketpreise. Frühzeitiges Buchen, Flexibilität bei den Reisedaten und die Prüfung von Umsteigeverbindungen über die Golfregion können echtes Geld sparen.
- Reiseversicherung ist Ihr Freund. Bei Flugausfällen helfen EU- und britische Verbraucherschutzregeln noch bei Abflügen aus Großbritannien, doch Anschlussflüge ab Indien unterliegen dem indischen Luftfahrtrecht, das weniger großzügig ist. Eine gute Police schließt diese Lücke.
- Konkurrenzcarrier in Betracht ziehen. Emirates, Qatar Airways und Etihad sind dank ihrer geografischen Lage bislang besser geschützt, wenngleich auch sie nicht immun gegen Kraftstoffschocks sind. Virgin Atlantic und British Airways fliegen weiterhin direkt, doch auch dort dürften die Preise anziehen.
Wird es bald besser?
Das hängt fast ausschließlich von der Geopolitik ab, was selten eine beruhigende Antwort ist. Solange die Straße von Hormuz nicht wieder geöffnet wird und Pakistan und Indien sich nicht genug annähern, um den Luftraum wieder zu teilen, bleibt die Kostenbasis für die indische Luftfahrt schmerzhaft hoch. Wilson, der laut The Independent offenbar noch 2026 als Air India-CEO zurücktreten soll, was anderswo bislang nicht bestätigt wurde, versucht im Grunde, einen Tanker durch einen Hurrikan zu steuern und dabei den Wetterbericht für nervöse Aktionäre vorzulesen.
Die Tata Group kaufte Air India 2022 von der indischen Regierung mit dem ehrgeizigen Ziel, den einst ikonischen Carrier zu einem globalen Schwergewicht zu machen. Die Flottenaufwertungen, die neuen Uniformen, der verbesserte Service: alles wies in die richtige Richtung. Dann kamen ein Krieg, eine Luftraumsperrung und ein Ölschock ins Zimmer.
Das Fazit
Fast 100 gestrichene Flüge sind kein kurzer Ausrutscher. Sie sind ein rotes Warnsignal für die weltweite Luftfahrt, und Air India ist derzeit zufällig einer der am stärksten exponierten Carrier des Planeten. Für britische Reisende lautet die Botschaft schlicht: Frühzeitig buchen, flexibel bleiben, das Kleingedruckte auf dem Ticket lesen und das E-Mail-Postfach im Blick behalten, wenn wieder diese gefürchteten Nachrichten über Flugplanänderungen eintreffen.
Sollte der Hormuz gesperrt bleiben und die Kerosinpreise hoch, ist damit zu rechnen, dass noch vor Ende des Sommers weitere Carrier dem Beispiel von Air India folgen. Die Ära günstiger Langstreckenflüge macht gerade eine Pause.
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